Zwischenräume


Beobachtungen, Fragen und Gedanken aus der Begegnung mit Menschen

 

Viele dieser Gedanken sind über viele Jahre gewachsen – in der Begleitung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und in den Begegnungen des Lebens.

Warum "Verstehen" manchmal nicht genügt


Verstehen kann entlasten. Oft wünschen wir uns jedoch etwas anderes: dass die Angst nachlässt, Beziehungen leichter werden oder wir uns endlich wieder lebendig fühlen.

In meiner Praxis begegnen mir ganz unterschiedliche Menschen.

Manche wissen zunächst gar nicht, warum sie so fühlen oder reagieren, wie sie es tun. Andere haben sich bereits intensiv mit sich selbst beschäftigt. Sie kennen ihre Muster, verstehen viele Zusammenhänge ihrer Lebensgeschichte oder erinnern sich an Erfahrungen ihrer Kindheit. Sie haben Bücher gelesen, Podcasts gehört oder bereits therapeutische Gespräche geführt.

Was sie verbindet, ist oft dieselbe Frage: Warum verändert sich innerlich so wenig? Warum kehren Angst, Scham oder das Gefühl, nicht zu genügen, in ähnlichen Situationen immer wieder zurück – obwohl ihre Zusammenhänge vielleicht längst verstanden sind oder sich noch gar nicht in Worte fassen lassen?

Vielleicht, weil Verstehen und Erleben nicht dasselbe sind.

Unser Verstand kann vieles einordnen. Er hilft uns, Zusammenhänge zu erkennen und manchmal auch Erfahrungen zu benennen. Das ist oft ein wichtiger Schritt der Selbsterkenntnis.

Manche Erfahrungen wirken jedoch auf einer Ebene weiter, die sich dem bewussten Denken nicht vollständig erschließt.

Vielleicht kennen wir nicht die ganze Geschichte.

Aber unser Körper erinnert sich noch.

Oder unsere Gefühle.

Oder ein Teil von uns, der damals gelernt hat, sich anzupassen, stark zu sein oder möglichst wenig Raum einzunehmen.

Diese inneren Erfahrungen lassen sich nicht einfach durch einen neuen Gedanken verändern.

Sie möchten wahrgenommen werden.

Nicht bewertet.

Nicht weggemacht.

Sondern in ihrem ursprünglichen Sinn gesehen und empfunden werden.

Deshalb bedeutet therapeutische Veränderung für mich nicht, möglichst viele Erklärungen zu finden.

Manchmal beginnt sie dort, wo Menschen sich selbst wieder begegnen können.

Wo Gefühle ihren Platz bekommen dürfen.

Wo etwas innerlich erfahren werden kann, das vielleicht bisher nur verstanden wurde.

Dabei geht es nicht darum, etwas zu erzwingen.

Oft entsteht Veränderung gerade dann, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.

Wenn wir beginnen, uns mit mehr Neugier als mit Bewertung zu begegnen.

Vielleicht ist das der Moment, in dem sich etwas löst.

Nicht, weil wir etwas gemacht haben. Sondern weil das Unterbewusstsein den Raum bekommen hat, seinen eigenen Weg zu finden.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht dort, wo wir noch mehr verstehen müssen – sondern dort, wo wir uns selbst auf eine neue Weise begegnen können.